Wetterprognosen - Gedanken eines Hobbymeteorologen
Ich will ganz offen sein: Eigentlich habe ich keinen blassen Schimmer vom Wetter und wenn wir ehrlich zueinander sind, ihr eigentlich auch nicht. Was wir machen können (meist wenn uns langweilig ist, wir eigentlich keine Zeit zum Fliegen haben oder wenn wir uns auf das nächste Wochenende freuen wollen) ist, einen Wetterbericht im Internet abrufen, der uns glaubwürdig erscheint und uns an dieser Prognose festhalten. Wenn er richtig war, freuen wir uns über die Prognose und können sagen: „Ich hab´s Euch doch gleich gesagt!„, wenn er falsch war, finden wir meistens hinterher eine Erklärung, warum das alles so nicht stimmen konnte.
Ich sag es Euch, wie es ist: Ich habe mich jahrelang mit dem Wetter beschäftigt, Bücher gewälzt, zwei Semester die Meteorologie Vorlesung besucht, Wetterberichte studiert, Wetterkarten analysiert und mich als Fluglehrer-Aspirant schon sehr für das Wetter interessiert. Wir hatten damals am Fluglehrer Lehrgang zum Glück einen wirklich tollen Meteorologen als Referent. Nach über 10 Jahren als Vielflieger und Fluglehrer kann ich mit Sicherheit sagen: Beim Wetter ist NICHTS sicher. Es vergehen kaum Tage, wo ich nicht erstaunt aus dem Fenster Blicke und mir denke: Die lagen alle falsch!
Tja, was kann man tun? Gleitschirmpiloten klammern sich eben gerne an irgendetwas ;-)
Um eine halbwegs realistische Einschätzung der aktuellen Wettersituation für einen Flugberg abgeben zu können, ist es auf jeden Fall erforderlich, mehrere Meinungen/ Prognosen einzubeziehen und daraus einen Mittelwert zu bilden. Dann liegt man meistens ganz gut. Jeder Wetterbericht ist mal besser und mal schlechter. Kleinklimatische Phänomene und Talwindsysteme werden kaum berücksichtigt. Ich rufe meist 3-4 Textprognosen ab und analysiere zusätzlich verschiedene Wetterkarten, studiere Livecams und die Windwerte der Wetterstationen.
Wie oft ich das mache? Bei schwierigen Wetterlagen mindestens 3-4mal täglich. Warum? Weil davon abhängt, ob unsere Fluglehrer und ich Arbeit haben oder nicht, ob unsere Piloten glücklich sind oder nicht und ob ich wieder in die Luft komme oder nicht.
Ihr seht, für einen hauptberuflichen Fluglehrer gibt es viele Gründe, das Wetter genau zu studieren und das machen wir auch. Trotzdem bekommen wir immer Anrufe und Mails von unseren Kunden, Freunden und Kollegen, die uns IHRE ganz persönliche Interpretation der aktuellen Wetterlage vorlegen. Meist von zuhause aus. Das ist oft gut gemeint. Auch immer wieder ein Brüller sind die 16 Tages Prognosen eines großen Wetterportals. Da muss ich sagen: HUT AB!
Ich schaffe es häufig nicht, für die nächsten zwei Tage das Wetter für meinen Flugberg mit lokalem Mikroklima genau vorher zu sagen. Die Jungs müssen echt was auf dem Kasten haben… Knapp gefolgt von den Wetterportalen der italienischen Wahrsager. Auch immer einen „Schmunzler“ wert sind die lokalen Wetterberichte des ansässigen Tourismusverbandes. Hier scheint wirklich jeden Tag die Sonne ;-)
Ich muss gestehen, auch ich klammere mich ab und zu an deren Vorhersagen und will ihnen glauben, auch wenn sie sich manchmal im Stundentakt ändern, wahrscheinlich wenn die Meteorologen mal wieder von ihren Rechnern aufblicken und zum Fenster gehen ;-)
Profis aus der Szene wissen: Man darf sich bei Wetterprognosen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, da geht der Schuss häufig nach hinten los. Klar, bei einem stabilen Hochdruckgebiet mit 1035hPa über Mitteleuropa kann ich meist auch sagen, dass morgen die Sonne scheint. Obwohl ich da auch schon einmal falsch lag, als sich still und heimlich ein Höhentrog herangeschlichen hatte und es trotz Hochdrucklage an dem Tag geregnet hatte. Das stand natürlich auch nicht im Wetterbericht. MIST!
Neulich waren wir am Nebelhorn fliegen. Nach zwei ruhigen Gleitflügen bei ca. 10 km/h Westwind frischte schlagartig der Wind auf böige 50 km/h auf, für ca. eine halbe Stunde. Danach war alles vorbei und der Wind wehte wieder laminar aus West wie zuvor. Kein Wetterbericht der Welt hätte das vorhersagen können.
Ich hatte so etwas zuvor an unserem Hausberg ohne Annäherung einer Front, eines Gewitters oder eines Föhndurchbruches bis dato noch nie erlebt und das, obwohl ich da sehr häufig zum Fliegen gehe. Wieder einmal hatte mich Petrus überrascht und mir gezeigt, wie wenig ich eigentlich über das Wetter weiß. Wir waren froh, noch am Boden gewesen zu sein. Klar, hinterher reimt man sich etwas über „Talwindkompression“ oder „Leitplankeneffekt“ zusammen. Schön wenn es nachher Sinn macht. Dann hab ich ja doch alles richtig verstanden ;-)
Was soll das jetzt heißen Chris? Hast Du´s nicht drauf oder was?
Nun ja, ich denke da muss sich jeder sein eigenes Bild machen. Fakt ist: Unsere Fluglehrer und ich stehen häufig am richtigen Flugberg und schätzen die Lage aufgrund der Ortskenntnis meist richtig ein.
Oft haben wir den richtigen „Riecher“ und ein gutes Gespür für „fliegbare“ oder „kaputte“ Luft. Unsere Stammkunden verlassen sich darauf und sind immer gut damit gefahren bzw. geflogen. Natürlich liegen auch wir manchmal falsch. Häufig gehört doch ein bisschen Glück mit dazu. Das macht das Ganze ja auch so spannend ;-)
Ich denke man sollte immer ein bisschen Respekt vor dem Wetter haben, dann wird man nicht so schnell überrascht ;-) Hört anderen Piloten und „Locals“ zu. Sie wissen viel, aber auch nicht alles. Bildet Euch einen Mittelwert aus den abgerufenen Wetterberichten und Meinungen anderer Piloten, dann fliegt ihr meist gut. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen ;-)
Ein bekannter Gleitschirmbuchautor hat mir mal erzählt, dass ihn seit Veröffentlichung seines Buches jeder fragt, wie denn das Wetter am nächsten Tag wird und er hat immer häufiger darauf geantwortet: „Keine Ahnung, ich schaue morgen früh einfach aus dem Fenster ;-)“
Liebe Grüße vom Gardasee und JA: Es regnet gerade ;-)
Chris


























