Praktische Tipps für Gleitschirmpiloten: Richtiges Verhalten bei startenden Piloten mit Verhänger oder Knoten
Immer wieder erlebt man folgendes Szenario an belebten Gleitschirmstartplätzen: Ein Pilot startet mit einem kleinen Knoten in den Leinen hinaus. Plötzlich Stadionstimmung am Startplatz. Wilde, hektische ja fast schon panische Schreie: „VERHÄNGER“, „FREIPUMPEN“, „REEETTEEEER“. Da wird so mancher Rookie zum Sicherheitsexperten. Häufig sind die Zurufe gut gemeint aber nicht selten führen sie zum Absturz des Piloten oder machen die Situation schlimmer als sie ist.
- Die richtige Reaktion bei einem Verhänger oder Knoten in den Leinen, bei dem der Schirm anfängt wegzudrehen ist „Gegensteuern“ Dieses oder ein ähnliches Kommando wäre das einzig sinnvolle, was man einem Piloten geben sollte, wenn man sich verpflichtet fühlt überhaupt etwas hinterher zu schreien. Dies sollte mit ruhiger, bestimmter Stimme erfolgen. Wenn der Pilot den Schirm abfangen kann, dann kann er ihn normalerweise auch landen bzw. notlanden.
- Wenn der Pilot noch im Startlauf ist und es seine Laufgeschwindigkeit und das Gelände zulässt , wäre „Startabbruch“ oder „Verhänger/ Knoten“ das richtige Kommando für den startenden Piloten.
- Erst wenn der Pilot den Schirm stabilisiert hat und auf Kurs hält, dann kann er sich um das „Problem“ kümmern. Die meisten Unfälle passieren, weil der Pilot zu lange zum Schirm schaut und zuerst den Verhänger lösen will, dabei aber seine Flugrichtung außer Acht lässt oder einfach panisch reagiert und dadurch gravierende Fehler macht. Häufig steuern die Piloten sogar auch kurz (meißt zu hektisch) gegen, lösen dann aber schnell wieder die Bremse, was zu Pendlern in Bodennähe führt. Wenn der Pilot es gleich nach dem Start nicht schafft den Schirm auf Kurs zu halten, wird er es sowieso ziemlich schnell merken, also den Piloten besser nicht noch zusätzlich durch wilde Zurufe stressen.
- Häufig beeinflussen kleinere Knoten das Flugverhalten kaum bis gar nicht. Bei Verhängern sieht die Situation meist anders aus. Ein Pauschalrezept zum Lösen des Verhängers kann man in so einer Situation nicht geben. Jeder Verhänger wirkt sich anders auf das Flugverhalten aus. Sehr oft kann man den Verhänger mittels der Stabileine lösen (dabei nie die Flugrichtung aus dem Auge verlieren). Dies verlangt meist ein kurzes, beherztes Herunterziehen der Stabileine nach außen, was gar nicht so einfach ist und auch hier erhöht sich wieder die Stallgefahr. Manchmal hilft auch ein einseitiger Klapper oder ein Ohrenanlegen mit Beschleuniger, häufig aber nur bei kleineren Verschlaufungen der Flügelenden. Natürlich löst auch ein beherzter, einmaliger schneller und tiefer Zug auf der Steuerleine zum Teil den Verhänger aber ACHTUNG: Bei fast allen Verhängern befindet sich er Schirm nahe am Strömungsabrißpunkt. Ein hektisches „Pumpen“ mit hohen Wiederholungen/ Amplituden führt schnell zum Strömungabriß/ Sackflug. Auch das einmalige, richtig ausgeführte „Pumpen“ kann leider sehr schnell zum Strömungsabriß führen. Deswegen sollte man man, v.a. nahe am Gelände, davon tendenziell keinen Gebrauch machen wenn man das Gefühl hat, der Schirm fliegt ungesund nahe am Stallbereich.
- Für Verhänger bei denen der Pilot größeren Bodenabstand hat empfiehlt sich auch hier: Schirm erst abfangen und versuchen ihn auf Kurs halten. Hier ist ein sensibler Pilot gefragt. Gelingt dies nicht, ist es fast immer besser so stark Gegenzusteuern, daß die Strömung abreißt oder gleich das Rettungsgerät auszulösen. Steuert man zu wenig gegen, geht der Schirm in einen SAT/ Spiralsturz. In einem „Verhänger SAT“ ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß das ausgelöste Rettungsgerät sich in den Leinen des Hauptschirmes verhängt und verzögert oder gar nicht mehr öffnet. Außerdem verliert der Pilot sehr schnell die Orientierung durch die Rückwärtsdrehung und die höheren G-Kräfte (ähnlich wie in einem normalen SAT)
- Erstaunlicherweise sind Strömungsabrisse (Stalls) mit verhängten Schirmen durch zu starkes Gegensteuern häufig (nicht immer ;-) ) bei der Ausleitung harmloser als „normale“ Fullstalls, wahrscheinlich bedingt durch den größeren Widerstand der verhängten Seite. Wir haben häufig solche Situationen beim Sicherheitstraining bei denen der Schirm danach wieder fliegt und der Verhänger sich während des Stalls löst. Sollte dies nicht der Fall sein, kann danach immer noch die Rettung gezogen werden.
- Ein bewußtes Einleiten eines Fullstalls bei Schirmen die sich auch stabilisieren lassen, kann ich Rookies bzw. Normalpiloten in normalen Situationen über Land nicht empfehlen. Dies ist nur etwas für Experten bzw. Piloten die Fullstalls im Schlaf beherrschen. Durch den erhöhten Widerstand stallt die verhängte Seite hier früher und der Pilot bekommt gleich eine Rotation mit auf den Weg bzw. muss die Asymmetrie beim Stall ausgleichen. Piloten die stark liegend oder mit Beinstrecker fliegen und nicht rechtzeitg eine aufrechte Sitzposition einnehmen, bekommen zusätzliche Schwierigkeiten. Fast immer führt die liegende Position noch schneller zu Twists oder größeren Verhängern. Vielleicht hat man ja aber auch Glück und bekommt zusätzlich einen Verhänger auf der anderen Schirmseite, dann dreht der Schirm wenigstens nicht mehr weg ;-) Ein sog. „Heraussatten“ durch noch tieferes Ziehen der Bremse der verhängten Seite während dem „Absatten“ kann natürlich auch manchmal helfen, aber auch hierfür braucht man sehr viel Höhe und das nötige Pilotenkönnen um es anzuwenden. Den Schirm absichtlich „Absatten“ zu lassen, ist für die meißten Piloten keine so gute Idee ;-)
Die richtige Pilotenreaktion für Normalpiloten bei Verhängern bleibt also unserer Meinung nach und auf dem derzeitigen Stand der Technik (Schirme und Erkentnisse können sich in den nächsten Jahren vielleicht wieder ändern): Gegensteuern und vorsichtig Landen bzw. Notlanden gehen. Mit genügend Höhe und nicht stabilisierbarem Schirm: Strömung durch starkes Gegensteuern abreißen und hoffen das durch den Stall der Verhänger herausgeht oder sofort das Rettungsgerät auslösen wenn man die Kontrolle verliert oder nicht genügend Höhe vorhanden ist. Ein Absatten mit Verhänger muss in jedem Fall vermieden werden.


















