Wasserlandungen
Anmerkungen zum Artikel „Wasserlandung – Das unterschätzte Risiko“ im Thermik Magazin 07/09
Wir können dem Großteil des geschriebenen Artikels im Thermik Magazin zustimmen. Dennoch möchten wir an dieser Stelle noch auf ein paar Dinge aus eigener Erfahrung hinweisen:
Wie im Artikel bereits erwähnt, halten auch wir eine Wasserlandung ohne aktive Wasserrettung mit geschultem Personal für u.U. sehr gefährlich bis lebensgefährlich. Die Idee einer simulierten Wasserlandung während eines Hallenbadtrainings ist definitiv eine tolle Sache. Auch alle weiteren Ansätze wie: das Mitführen eines gut platzierten Hook Knifes (wie es bei Acro Piloten bereits seit langem gängig ist) und das Öffnen der Schnallen kurz vor der Landung oder besser, bei Wasserkontakt, können wir voll unterstützen.
Zu folgenden Aussagen wollen wir dennoch noch einmal Stellung nehmen.
1.) Zum Thema Automatikwesten
Hier hält eine Automatikweste den Kopf über Wasser. Die Bewegungsfreiheit ist deutlich eingeschränkt.
Derzeit benutzen unseres Wissens ca. 70-80% aller DHV zertifizierten und nicht zertifizierten Sicherheitstrainingsanbieter inklusive der Paragliding Academy Automatik Schwimmwesten. Auch uns ist bereits seit Beginn unserer Trainings aufgefallen, dass die Automatik Westen nicht nur Vorteile haben. Zum Teil erschrecken viele Piloten bei der automatischen Öffnung der Weste bei Wasserkontakt und zum anderen blockieren diese Westen enorm die Bewegungsfreiheit des Piloten im Wasser.
Bei falscher Anbringung (z.B. "Psycho-Gürtchen" der Schultergurte über der Weste geschlossen, starker Einengung durch das Gurtzeug schon im ungeöffneten Zustand oder Kinnriemen der Integralhelme vor dem Sicherheitstraining nicht gelockert) können diese Westen zum Teil problematisch sein. Auch wir haben bereits überlegt, wegen oben genannter Gründe, auf starre Kajak Westen umzusteigen.
So drastische Aussagen wie von den beiden Anbietern von Hallenbadtrainings im Artikel: „…Wer in der Automatikweste wassern muss, wird ohne fremde Hilfe ertrinken!“ halten wir nur bedingt für richtig. Die Gefahr des Ertrinkens besteht immer dann, wenn der Pilot in Panik gerät. Natürlich gibt es Situationen, die für die Feststoffweste sprechen, und andere, wo eine Automatikweste gewisse Vorteile bietet.
Automatikwesten können definitiv Probleme verursachen. Sollte der Pilot aber während einer Wasserlandung ohne aktive Wasserrettung ohnmächtig werden, garantiert eine Kajak Weste, die als „Schwimmhilfe“ beworben wird, und zum Teil nur 50 N Auftrieb (Automatikwesten: 150N) erzeugt, tendenziell noch weniger, dass der Pilot nicht ertrinkt. Es hängt dabei aber natürlich immer von der jeweiligen Situation (Lage im Wasser, Leinen, Gurtzeug usw.), dem Piloten selbst, dessen mentaler Stärke und dessen Fitnessgrad ab, wie gefährlich die jeweilige Weste wird.
Schön im Bild zu sehen: Rechts das Einlass-/Auslassventil, links die Automatik mit CO² Patrone sowie zusätzlicher manueller Auslösung
Die derzeit gültigen EN Normen lauten wie folgt:
EN 393 - Kategorie 50 N Schwimmhilfe:
Nur geeignet für gute Schwimmer. Für den Gebrauch in geschützten Gewässern, wo Hilfe schnell zur Stelle ist. Dies ist keine Rettungsweste und keine ohnmachtssichere Weste. Schützen als Auftriebsmittel vor dem Untergehen. Bei Bewusstsein kann der Benützer durch entsprechende Balancebewegungen Mund und Nase über Wasser halten.
EN 395 - Kategorie 100 N Rettungsweste:
Für den Gebrauch in Binnengewässern und geschützten Gewässern. Bei Ohnmacht und beim Tragen von wasserdichter Kleidung ist die Weste beschränkt sicher. Sie sind fest mit dem Körper verbunden und halten Mund und Nase auch dann über Wasser, wenn die Person erschöpft oder bewusstlos ist. Sie sind eingeschränkt in der Lage, einen kopfüber im Wasser Liegenden in ohnmachtsichere Lage zu drehen. Die Dreheigenschaften werden von der Bekleidung (Anm. Gurtzeug!) wesentlich beeinflusst.
EN 396 – Kategorie 150 N Rettungsweste:
Geeignet für Hochsee, für Träger von wetterfestem Ölzeug. Ohnmachtssicher. Sie sind fest mit dem Körper verbunden und halten Mund und Nase auch dann über Wasser, wenn die Person erschöpft oder bewusstlos ist. Sie sind in der Lage, einen kopfüber im Wasser Liegenden in ohnmachtsichere Lage zu drehen (Anm. nicht gewährleistet beim Tragen eines Gurtzeuges!)
EN 399 – Kategorie 275 N Rettungsweste:
Geeignet für Hochsee, für Träger von wetterfestem Ölzeug. Ohnmachtssicher. Sie sind fest mit dem Körper verbunden und halten Mund und Nase auch dann über Wasser, wenn die Person erschöpft oder bewusstlos ist. Sie sind in der Lage, einen kopfüber im Wasser Liegenden in ohnmachtsichere Lage zu drehen (Anm. nach Tests des DHV auch gewährleistet beim Tragen eines Gurtzeuges!)
Natürlich kann man die Sicherheit einer Schwimmweste nicht nur am Auftriebswert festmachen.
Feststoffweste. Bietet viele Vorteile aber auch Nachteile wie z.B. den mangelnden Komfort beim Tragen während des Fluges.
Fakt ist: Bei aktiver Wasserrettung, die binnen Sekunden beim Piloten ist, ist eine Schwimmweste oft sogar hinderlich, egal ob Automatik oder Feststoffweste. Wir raten Benutzern einer Automatik Weste, sich vorher mit der Weste vertraut zu machen. Die meisten Automatikwesten haben ein manuelles Aufblas- und Ablassventil. Drückt man das Ventil nach einer Wasserung herunter, geht die Luft aus der Weste heraus und verhindert ein zu starkes Einengen des Piloten. Kinnriemen von Integralhelmen sind unbedingt weit zu öffnen bzw. locker einzustellen. Ein zu eng eingesteller Kinnriemen eines Integralhelmes kann bei geöffneter Automatik Schwimmweste zu Atemproblemen bis hin zu Erstickungserscheinungen führen. Natürlich handelt man sich aber auch ggf. einen Nachteil bei einem eventuellen Unfall über Land ein, wenn hier der Helm zu locker befestigt ist. Es ist zu überlegen, ob man während eines Sicherheitstrainings u.U. sogar ganz auf einen Integralhelm verzichtet.
Schwimmwesten beim Fliegen eignen sich für den Fall, dass die Wasserrettung versagt hat oder länger braucht und können dem Piloten das Leben retten. Sie bieten aber definitiv keinen 100%igen Schutz vor dem Ertrinken.
Klassische hängende Position während einer Retteröffnung. Ein Öffnen der Bein- und Brustgurte führt zum sofortigen Herausrutschen. Schnallen am Besten erst bei Wasserkontakt öffnen.
Die Paragliding Academy wird genau prüfen, ob ein Umstieg auf Kajak Westen sinnvoll ist. Die meisten Piloten beschwerten sich beim Tragen der Kajak Westen über die mangelnde Bewegungsfreiheit während des Fliegens, was natürlich auch die Praxisrelevanz der geflogenen Manöver verfälscht. Außerdem sind Kajak Westen unsicherer bei verletzten oder ohnmächtig gewordenen Piloten, wenn die Wasserrettung nicht sofort zur Stelle ist. Unser Bootsfahrer und Rettungsschwimmer würde die Kajak Westen begrüßen.
2.) Zum Thema: „Herausnehmen des Protektors“
Von unserer Seite (zumindest für die Sicherheitstrainings am Gardasee und wahrscheinlich auch für die meißten anderen Fluggebiete) ein klares „NEIN“. Bitte lasst den Protektor im Gurtzeug, wenn eine aktive Wasserrettung vorhanden ist oder nicht ganz bewusst mit einer Wasserlandung zu rechnen ist. Die meisten Unfälle beim Sicherheitstraining passieren beim Start und bei der Landung auf festem Untergrund. Nur absolut versierten Piloten, die wirklich sicher starten und landen können empfehlen wir das Herausnehmen des Protektors. Natürlich ist ein Protektor im Wasser nicht sinnvoll, erzeugt Auftrieb und kann im „worst case“ den Piloten trotz Schwimmweste unter Wasser drücken, aber mit einer einsatzbereiten Wasserrettung stellt dies normalerweise kein Problem während eines Sicherheitstrainings dar. Wer schon mal einen Piloten gesehen hat, der aus geringer Höhe seinen Gleitschirm stallt und auf dem Hintern/ Rücken ohne Protektor aufschlägt, wird verstehen, warum es besser ist, den Protektor nicht auszubauen.
Frontretter mit Einhängung der Verbindungsleine in die Hauptkarabiner des Gurtzeuges. Pilot ist hier in einer sitzenden Position kurz vor Wasserkontakt.
Auch während eines Sicherheitstrainings sind Wasserlandungen die Ausnahme. Wir hatten im Jahr 2008 ca. 250 Piloten bei unseren Sicherheitstrainings, von denen ca. 8-10 Piloten ins Wasser gegangen sind. Alle Piloten blieben sowohl bei Wasserlandungen, als auch bei den Starts und Landungen auf festem Untergrund unverletzt. Den Protektor haben ein paar Piloten in Anspruch genommen und waren froh, ihn dabei gehabt zu haben.
Unsere Tipps bei Wasserlandungen
copyright: Vertigo 2007
Pilot setzt sich im Wasser auf seinen Protektor. (Acrowettbewerb Vertigo 2007)
- Keine Panik!
- Hook Knife parat halten. Gerade bei Wasserungen mit Wellengang oder starkem Wind kann einen das Rettungsgerät oder der Hauptschirm gefährlich durch das Wasser zerren. Hier kann u.U. die Verbindungsleine/ Tragegurt/ Leine gekappt werden.
- Soweit möglich die Schnallen sofort bei Wasserkontakt öffnen und sich von der Ausrüstung entfernen. Achtung beim Herausspringen: Hier verschätzt man sich sehr leicht mit der Höhe. Wir raten eher davon ab (zumal das Öffnen der Schnallen vor Wasserkontakt häufig nicht möglich ist, durch Retteröffnung oder ungünstige Fluglage)
- Sollte die Automatikweste behindern oder einengen, mittels Druck auf das Einlass/Auslassventil etwas Luft ablassen und die Kinnriemen des Helmes öffnen (Handschuhe Ausziehen).
- Je nach Lage im Wasser, Protektorgröße, Gurtzeug und Fitnessgrad des Piloten ist es möglich, sich mittels gezielter Schwimmbewegungen sogar im Wasser auf seinen Protektor zu setzen und gemütlich im Wasser zu treiben (schaut mal bei einem Acrowettbewerb zu. Dort gehen die Piloten mehrmals täglich baden). Bei zu dicken Protektoren und Airbags ist dies aber meist nicht möglich. Auch erfordert das Übung und gelingt häufig nicht.
- Gurtzeug als Boye zum Festhalten benutzen, wenn sonst keine Rettung in Sicht ist, das Land zu weit entfernt und natürlich nur dann, wenn ein Verfangen in den Leinen auszuschließen ist.
- Keine Wasserlandungen mit starkem Rückenwind. Der Vorteil der gestreckten Leinen bei Wasserung überwiegt nicht den Nachteil des harten Aufschlages, den man bei hoher Geschwindigkeit auf Wasser hat.
Über den Autor
Chris Geist ist Fluglehrer, Sicherheitstrainer, Acro- und Testpilot. Er arbeitete mehrere Jahre beim Gleitschirmhersteller Airwave, danach kurzzeitig bei Swing, der Zulassungsstelle Air Turquoise in der Schweiz und aktuell bei der EAPR Guido Reusch. Chris ist früher aktiv Acrowettbewerbe geflogen und seit mehreren Jahren als Wettkampfrichter bei den FAI Acrowettbewerben tätig. Die Paragliding Academy - Flugschule Allgäu gehört mittlerweile zu den größten Anbietern von Gleitschirm Sicherheits- und Freestyletrainings.












