RUNDKAPPE ODER STEUERBARE RETTUNG?

orange8 160 - Artikel Steuerbare Rettung oder Rundkappe

Derzeit geht ein neuer Trend durch die Gleitschirmszene: “ Steuerbare Rettungen für´s Volk!“ Die Meinungen gehen hier auseinander. Die einen sagen: „So ein Quatsch, das braucht man nicht.“, die anderen sagen: „ Unbedingt, ein klarer Fortschritt.“ Wir hatten in letzter Zeit viele Anfragen zu diesem Thema, weshalb wir hier kurz darauf eingehen wollen.

Ich muss gestehen, dass ich persönlich noch keine eigenen Erfahrungen mit steuerbaren Rettern gesammelt habe, wohl aber viele Öffnungen von Acrokollegen und während unserer Sicherheitstrainings gesehen habe. Die Frage, ob sich ein steuerbarer Retter lohnt, kann man so leicht nicht beantworten. Ich würde sagen, das kommt auf den Piloten und dessen Flugverhalten an.

 
 

VOR- UND NACHTEILE VON STEUERBAREN RETTERN

  • Stabilität: Die steuerbare Rettung ist pendelstabiler (Vorwärtsfahrt). Sie ist angeblich anfälliger, wenn der Hauptschirm dagegen „crasht“ und noch flugfähig ist. Dann deformiert und entleert sie vielleicht etwas leichter als die Rundkappe. Deshalb ist der Einsatz nur mit Schnelltrennkarabinern richtig sinnvoll. Die Anfälligkeit für Deformationen ist mir in der Praxis bis jetzt noch nicht aufgefallen bzw. ich habe in dieser Hinsicht noch keinen gravierenden Nachteil zur Rundkappe feststellen können.
  • Wenn man das Rogallo Päckchen mit Rotation wegschleudert, hat man bei der Öffnung eventuell einen Twist oder Leinenüberwurf (nach Herstellerangaben mit neuer Packtechnik extrem selten). Damit ist der Retter nicht mehr steuerbar und es kann sich zusätzlich eine Scherenstellung ohne entsprechende Schnelltrennkarabiner geben.
  • steuerbare Retter öffnen tendenziell schneller als Rundkappen (aufgrund der Packweise bekommen sie besser Luft) und sind dadurch auch weniger anfällig gegen Retterfraß beim sog. „Absatten“ mit Verhänger.
  • bei steuerbaren Rettern kann man leicht eintwisten und so nicht mehr steuern. Man fliegt dann rückwärts.
  • die Steuerung der Retter ist sehr träge. Wenn man sowas nicht schon mal geübt hat, dann bleibt der Vorteil der Steuerbarkeit auf der Strecke.
  • moderne steuerbare Rettungen unterscheiden sich sowohl vom Packvolumen, als auch vom Gewicht nicht mehr gravierend von den Rundkappen
  • Normalpiloten werden nach einem Retterwurf und dem entsprechenden Adrenalinausstoß wohl eher selten gleich wieder anfangen noch lässig den Retter vom Hang wegzusteuern (manche Piloten treffen mit dem Gleitschirm ja nicht mal den Landeplatz. Wie wollen sie es mit einem steuerbaren Retter schaffen ;-))
  • Die Sinkgeschwindigkeit ist meist etwas geringer als bei der Rundkappe
  • Das Packen ist aufwändiger/anders
  • Steuerbare Rettungen sind meist teurer als Rundkappen
 
 
beamer 2 01 160 - Artikel Steuerbare Rettung oder RundkappeDu siehst, steuerbare Retter haben viele Vorteile, aber auch ein paar Nachteile. Letztendlich muss jeder selber überlegen, für welchen Rettertyp er sich entscheidet. Die meisten Genussflieger werden ihren Retter, außer beim Sicherheitstraining über Wasser, wohl eher selten zu Gesicht bekommen. In Notsituationen hat sich häufig gezeigt, dass der unerfahrene Pilot meist gar nicht mehr reagiert, also nicht einmal mehr den Retter auslöst, wenn er ihn braucht. Zudem wird der Retter oft erst sehr tief oder nahe am Gelände geschmissen. Nach der Öffnung vergehen häufig nur ein paar Sekunden bis zum Aufprall, so dass meist gar keine Zeit mehr bleibt zum Steuern. Ein klares Plus der steuerbaren Retter ist das schnelle Öffnungsverhalten, die Pendelstabilität sobald der Hauptschirm getrennt oder eingeholt wird und die geringe Sinkgeschwindigkeit. Hier besteht ein Vorteil zur Rundkappe. Mit richtiger Dimensionierung der Rundkappe sind aber auch hier die Sinkwerte human. Wenn ich daran denke, dass Genusspiloten mit Schnelltrennkarabinern durch die Lüfte segeln, wird mir nicht gerade warm ums Herz. Trotz der hervorragenden Lösungen der Hersteller kann man mit Schnelltrennkarabinern doch noch einiges falsch machen. Gerade in stressigen Situationen sehe ich hier ein gewisses Gefahrenpotential, obwohl es nach meinem Wissen derzeit noch keine gravierenden Vorfälle gab.

Abschließend würde ich sagen: steuerbare Retter sind geeignet für ambitionierte, vielfliegende Piloten , die genau wissen was sie tun, Acro-/ Testpiloten und Piloten, die sich bewusst in Grenzbereiche vorwagen. Für alle anderen reichen meiner Meinung nach derzeit noch moderne, richtig dimensionierte Rundkappensysteme aus. Für angehende Freestylepiloten empfehlen wir immer, ein zweites Rettungsgerät mitzuführen.

Toll zu sehen ist, dass derzeit endlich wieder Entwicklung im Rettersegment stattfindet. Die letzten 15-20 Jahre hat sich hier kaum etwas getan. Im Moment ist der neueste Trend, den steuerbaren Retter „vorgebremst“ entfalten zu lassen, so daß er kaum Vorwärtsfahrt hat und sich ähnlich einer Rundkappe verhalten soll (übrigens sind steuerbare Retter mit entsprechendem Bremsweg auch „stallbar“ ;-) ) Erst der Zug an der Steuerleine führt zur vollen Steuerbarkeit und Vorwärtsfahrt. Ob sich diese Technik durchsetzt, wird sich zeigen. Ich denke, dass die Hersteller in Zukunft immer mehr die Vorteile von steuerbaren Rettern mit denen der Rundkappe kombinieren werden und so noch mehr Sicherheit im Gleitschirmsport erreicht wird.

Nachfolgend ein paar Videobeispiele. Es handelt sich hierbei nicht um offizielle Tests. Die Vergleichbarkeit ist nicht gegeben, da die Rettungen in unterschiedlichen Situationen, z.T. bewußt und z.T. aus einer Notsituation heraus ausgelöst wurden. Der Hauptschirm nimmt enormen Einfluss auf den Retterabgang. Er wurde bei der steuerbaren Rettung abgetrennt (Schnelltrennkarabiner), bei den Rundkappensystemen blieb der Hauptschirm eingehängt.

 

steuerbare Rettung Team5 Orange ST – bewußt aus dem Geradeausflug ausgelöst

steuerbare Rettung Team5 Orange ST – bewußt aus einer leichten Spirale ausgelöst

Rundkappen Retter Protect Nano (falsche Rettergröße)– Rundkappe bewußt aus dem Geradeausflug mit gezogenem Klapper ausgelöst. Die Rundkappe ist hier deutlich zu klein dimensioniert für den Piloten. Die Sinkwerte sind zu hoch. Verletzungsgefahr

Airwave Rundkappen Retter Lifesafer PG1 (richtige Rettergröße)– aus einer Trudelbewegung in einer Notsituation (Leinenriß) ausgelöst. Problematisch sind Öffnung aus Trudelbewegungen durch die geringe Sinkgewschwindigkeit und geringen Fliehkräfte. Ein Verhängen des Retters im Hauptschirm ist leicht möglich.

Annular Rundkappen Retter (richtige Rettergröße)– aus einer Trudelbewegung in einer Notsituation (Twist mit blockierter, gezogener Bremse) ausgelöst. Auch hier dauert es wieder vergleichsweise lange, bis der Retter öffnet (geringe Sinkwerte/ geringe Fliehkräfte)