Im Winter sieht man sehr viele frustrierte Piloten die völlig entnervt und gestresst im Schnee liegen und einfach nicht in die Luft kommen. Natürlich ist ein Start im tiefen Schnee kräftezehrender als im Sommer. Ganz häufig gibt es aber auch freundliches Bahnpersonal das tolle Winterstartplätze präpariert oder Fluggebiete wo am Pistenrand gestartet werden darf. Das „Problem“ im Winter ist oft das es die meiste Zeit Nullwind oder sogar leichten Wind von hinten hat, da die kalte Luft über den Schneeflächen abfließt. Wer hier auf Wind von vorne wartet, steht meist bis zum Frühling. Oft sind Winterstarts aber auch deutlich ungefährlicher wie im Sommer, da der Pilot im schlimmsten Fall meist nur die Piste hinunter rutscht und der Startversuch nicht gleich im Geröllfeld endet. Ob ein Start vertretbar ist oder nicht, muss jeder Pilot natürlich selbst entscheiden. Hier ein paar Tipps für einen gelungenen Winterstart bei leichtem Nullwind von hinten ;-) die so nicht in den Lehrbüchern stehen aber funktionieren, wie auch schon viele gute Piloten und Fluglehrer festgestellt haben ;-) WICHTIG: Diese Tipps gelten wirklich nur für Winterstarts. Im Sommer sind Nullwindstarts je nach Gelände oft deutlich gefährlicher und zu vermeiden.

1.) Wähle Deinen Startplatz gut aus. Ich persönlich bevorzuge im Winter die steilen Startplätze (Anm.: im Sommer natürlich die flachen Startplätze). Der Schirm ist schneller oben und man muss nicht lange durch den tiefen Schnee stapfen. Trampele Dir möglichst vorher eine Startbahn oder schaue das auf Deinem Startweg möglichst gewalzt ist und Du nicht in der Beschleunigungsphase doch noch einsackst.

2.) Sortiere Deine Leinen vor dem Start ganz genau (Bremsspinne!) und gib Deinem Schirm eine möglichst perfekte Bogenform beim Auslegen.

3.) Bevor Du Anläufst, kontrolliere nochmal ob Du in der Schirmmitte stehst und ziehe die Tragegurte (eingehängt) nochmal nach oben damit die Karabiner beim Loslaufen auf gleicher Höhe sind und gleichmäßiger Zug ausgeübt wird.

4.) Nullwind = Vorwärtsstart! Profis können natürlich auch Rückwärts aufziehen und dabei den Oberkörper geschickt verdrehen so das sie fast vorwärts laufen, aber alles wird deutlich stressiger und beim Ausdrehen entlasten die Schirme sogar bei den Profis leicht und neigen dazu doch nochmal abzufallen.

5.) Gehe vor dem Anlaufen nochmal einen kleinen Schritt zur Schirmhinterkante zurück und laufe mit einem Impuls los. Viele Piloten machen die ersten Schritte zu langsam. Gerade bei Nullwind ist es in der Aufzugsphase wichtig das sich der Schirm gleichmäßig füllt, damit er nicht gleich ausbricht. Ich laufe die ersten Meter sehr schnell an, damit sich der Schirm gleichmäßig füllt und nehme dann das Tempo heraus.

6.) Auch bei Nullwind und sogar bei leichtem Rückenzug kann eine Phasentrennung oft eingebaut werden. Gehe nur die ersten Schritte mit Tempo, danach nimmst Du das Tempo wieder heraus und gibst Deinem Schirm die Zeit die er braucht um über Deine Kopf zu kommen. Viele Piloten RENNEN den ganzen Start über und ziehen ihren Schirm im Sackflug hinter sich her. Der Schirm KANN bei so einem hohen Lauftempo nicht über den Piloten kommen!

7.) Im  Winter bei Nullwind von hinten darf man ein bisschen mehr  „pushen“ und „heben“ an den A Gurten damit der Schirm besser steigt (aber auch hier kommt immer der Hauptzug aus der Hüfte/Karabiner). Wenn Du zuviel „drückst“ geht die Eintrittskante zu und der Schirm füllt sich nicht mehr, aber ohne ein bisschen aktive Unterstützung wird der Schirm lange brauchen um über den Piloten zu kommen oder sogar hängen bleiben. Handflächen weitestgehend offen und nach oben zeigend ist nicht nur beim Nullwind Start Pflicht. Blockiere nicht Deine Gelenke, hilf dem Schirm beim Steigen und HEBE ihn aktiv nach oben (die Geometrie der Gurte darf dabei nicht extrem geändert werden)

TIPP: Beat Bischof hat angeregt das die meisten Schweizer Piloten in der „W-Stellung“ bei solchen Bedingungen starten, heißt A-Gurte auf Schulterhöhe, Arme angewinkelt (Geierstart, Schweizer Start). Auch ich habe beobachtet das sich einige Pilotinnen/Piloten mit dieser Technik leichter tun bei Nullwind. Viele Tandempiloten starten ebenfalls mit dieser Technik im Winter und sogar Chrigel Maurer propagiert diese Technik. Ob es ein Pauschalrezept ist weiß ich nicht, aber auf jeden Fall mal ausprobieren und wenn es funktioniert, warum nicht?!?

8.) Führe die A-Gurte deutlich länger als im Sommer. Ich lasse den Schirm im Winter sogar oft leicht überschießen, bremse ihn dann erst an und laufe ihm mit einem schnellen Sprint etwas hinterher. Viele Piloten lösen die A-Gurte zu früh (bei 60-70 Grad) wie im Sommer und gehen zuviel auf die Bremse. Das sorgt dafür das der Schirm die ganze Zeit im Sackflug hängt und nicht gescheit fliegt. Wenn der Pilot jetzt auch noch VOLLGAS gibt, hat der Schirm keine Chance mehr hoch zu kommen und zu tragen. Führe länger, bremse weniger und laufe schneller! Wichtig: Das sind nur pauschale Tipps die oft gelten, aber nicht immer. Wenn Dein Schirm vorne Einklappt, hast Du zu wenig gebremst ;-)

9.) Kontrollblick? Eher nicht! Wichtig: Auch diese Aussage gilt nur für Nullwindstarts im Winter, nicht pauschal. Ich bin ein Fan vom Kontrollblick bei den richtigen Bedingungen wenn er Sinn macht. Bei Nullwind allerdings nutzt der Schirm oft die kurze Kontrollphase des Piloten nochmal zum Abhängen oder entlasten und durch das erhöhte Lauftempo des Piloten im Winter und den Schnee birgt er ein sehr hohes Risiko hin zu fallen. Ich lasse den Kontrollblick im Winter oft weg und behalte den „Grundzug“ bei, sortiere meine Leinen dafür einmal mehr vor dem Start.

10.) Winterflüge sind der Hammer – und wenn der erste Start mal nicht funktioniert, nimms gelassen und mit einem lächeln. Du kannst mit etwas Pilotenkönnen geniale Waaga Sessions im Schnee haben und super schöne Lines in den Pulverschnee ziehen. Der Winter ist auch ideal für ein Start- und Landetraining und um neue Fluggebiete ohne die üblichen Talwinde und Leefallen auszutesten. Nicht selten haben wir in den Hochlagen das ganze Jahr über Thermik- und Soaringbedingungen und können den ganzen Tag lang fliegen. Also raus auf den Berg und auf keinen Fall den Gleitschirm im Keller einmotten.

 

Tipp: Probleme mit dem Start? Besuche ein TakeOff Seminar oder eine Flugreise. Hier bekommst Du bei jeder Tour bei uns eine gratis Videoanalyse und wir zeigen Dir Möglichkeiten auf, Deine Starttechnik zu verbessern. Tipp: Bei den Ski&Fly Touren gehen wir intesiv auf die Starttechnik im Winter ein. Nach dem A-Schein leidet die Starttechnik oft extrem, da Dir hier keiner mehr Tipps am Funk gibt. Auch kleine Fehler können in der Summe dann irgendwann zum Unfall führen, also bessere kleine Startfehler lieber gleich aus. Nur weil Du in die Luft gekommen bist, heißt es auch das es ein toller Start war ;-)

Passend dazu ein paar lustige Bilder von mißglückten Gleitschirmstarts im Winter von Rainer Scheltdorf im Rahmen eines „Stress beim Fliegen“ Artikels ;-)

WICHTIG: Dies sind nur Tipps für den Winterstart bei Nullwind und den hier vorherschenden besonderen Bedingungen bei Schnee und Kälte und keine pauschalen Rezepte für einen soliden „normalen“ Start im Sommer.
TIPP: Passende Beiträge zu einer „normalen“ Starttechnik findest Du z.B. in der DHV Info213 ab Seite 44 „Und weg war er…“ und die DHV Lehrvideos Groundhandling in unserem YouTube Channel unter Lehrfilme sowie die Artikel im DHV Info: Groundhandling, Optimal Aufziehen, Abbruch oder Start, Rückwärts Aufziehen