Hallo liebe Breitensportler und Safety Class 5 (so gut wie tot ;-) ) Piloten;-)

Nachdem in letzter Zeit immer mehr Anfragen zur Safety Class des DHV und den Testprotokollen der Zulassungsstellen kommen, hier ein Statement von mir dazu. Gleich vorne weg: Ich halte die Verbrauchertests des DHV (Safety Class) für einen Schritt nach vorne. Auch kenne ich alle Testpiloten die diese Tests durchführen und weiß, dass sie hervorragende Arbeit leisten und versuchen alle Schirme so neutral wie möglich zu beurteilen. Leider verleiten die lustigen bunten Farben und das Bewertungsschema von 1-5 schnell dazu zu sagen: Dieser Schirm ist „heiß“ oder „gefährlich“ und dieser Schirm ist „sicher“. Sicherheit ist immer relativ. Ich persönlich fühle mich z.B. sicherer unter einem Schirm der ein gutes Feedback gibt was gerade in der Luft passiert, als unter einem Panzer der vielleicht eine bessere Note in der Safety Class bekommen hat, mir aber nicht erzählt was die Luft gerade macht. Natürlich mache ich aber auch ein paar Flüge mehr im Jahr wie der normale Hobbypilot.

Handling: „Handling“ ist leider ein schwer greifbarer und meßbarer Faktor. Den Faktor Handling kann auch die Safety Class nicht genau vermitteln. Ein Pilot der nur sehr wenige Flüge im Jahr macht, sollte natürlich viel Wert auf passive Sicherheit bei einem Gleitschirm legen. Der Schirm sollte dabei aber trotzdem ein gutes Handling bieten das auch dem Wenigflieger anzeigt: „Achtung, jetzt wirds gleich kritisch.“  Ein sportlicher Pilot mit einem sensiblen Händchen darf sich auch ruhig einmal mehr fordern, den Schirme mit schlechtem Handling bremsen gute Piloten irgendwann einmal aus. Du kannst Deine Sinne beim Fliegen nur schulen, wenn Du etwas spürst über die Bremsen und die Tragegurte. Bei der Safety Class wird auch, wie bei den offiziellen Tests, zum größten Teil mit passivem Pilotenverhalten getestet, d.h. man geht von einem „Fleischpendel“ aus, das bei Störungen nicht reagiert.  Mit minimalem Piloteneinsatz sehen die Reaktionen häufig ganz anders aus.

 

Hier für mich ein paar Faktoren die bei einem Gleitschirm wichtig sind:

Strömungsabriß: Für mich einer der wichtigsten Faktoren bei modernen Gleitschirmen ist das Strömungsabrißverhalten. Ein Schirm der den Abriß nicht gescheit ankündigt ist für mich durchgefallen. Diesen würde ich niemals unseren Schülern geben. Solche Schirme können bei den einseitigen Klappern gerne eine Safety Class 1 oder 2 bekommen. Für mich sind solche Schirme gefährlich, den Strömungsabrisse sind eine extrem hohe Unfallursache beim Gleitschirmfliegen. Viele Acropiloten schätzen eine stumpfe, d.h. gleichmäßig greifende Bremsanlenkung für einen sauberen Strömungsabriß. Oft sind aber bei Schirmen mit stumpfen Bremsen die Strömungsabrisse sehr radikal und schnell, neigen dafür aber auch weniger zu Verhängern. Für Anfänger ist es sicher von Vorteil wenn Schirme im unteren Steuerwegbereich extrem hart werden und über die Flügelflächen langsam wegbiegen. Hier hat der Pilot einfach mehr Zeit zu reagieren und die Bremse doch wieder zu lösen bevor die Strömung abreißt. Strömunsabrißverhalten wird jetzt bei der Safety Class schon besser berücksichtigt, aber könnte noch detaillierter betrachtet werden. Hier besteht sicher noch Verbesserungsbedarf.

Geschwindigkeit: Meist sind die etwas „gutmütigeren“ Schirme recht langsam getrimmt. Geschwindigkeit ist für mich auch Sicherheit. Ein Schirm der langsam fliegt und sich wie ein Heißluftballon bewegt ist nicht sicher. Klar am Übungshang mag das toll funktionieren bei 0,34 km/h Wind aber kommt mal zum Gardasee oder nach Spanien bei Starkwind. Dann bitte den Heizbrenner nicht vergessen, den der gehört zu jedem Heißluftballon mit dazu ;-) Aus diesem Grund empfehlen wir auch, alle Schirme im mittleren bis oberen Gewichtsbereich zu fliegen.

Wendigkeit: Ein Gleitschirm muss auf Steuerleineninputs reagieren. Zu träge Schirme verleiten leider auch schnell dazu einfach mehr Bremse zu nehmen. Du ziehst, es passiert nichts. Was machst Du? Klar, Du ziehst mehr und bewegst Dich dadurch auch wieder näher am Strömungsabriß. Eine gewisse Wendigkeit ist Grundvoraussetzung für ein sicheres Fliegen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein Gleitschirm ist nur so sicher wie der Pilot der unter ihm hängt. Ein Schirm der Safety Class 1 bekommt, ist ziemlich sicher ohne weiteres konstruierbar aber ist er deswegen auch wirklich sicher? Fraglich. Lest die Testberichte der LTF und EN Einstufung genau durch und überfliegt sie nicht nur. Das gleiche gilt für die Safety Class. In der Safety Class stecken schon deutlich mehr Informationen als in den normalen Testflugprotokollen. Klasse. Optimal wäre wenn neben den Testpiloten auch noch Endverbraucher und Fluglehrer in die Tests mit eingebunden werden würden, dann hätte man ein noch besseres Bild wie sich die Schirme in Natura verhalten. Dies würde aber eine enorme logistische Hürde darstellen, die kaum zu bewerkstelligen ist.

In diesem Sinne: Fliegt sicher und schiebt die Schuld nicht dem Material zu. Das ist so sicher und rattengeil wie noch nie ;-) Legt wert auf eine solide gute Flugausbildung bei professionellen Flugschulen. Das ist viel wichtiger. Kommt mit Eurem Equipment zum Sicherheitstraining und testet es selbst aus. Ihr seit die besten Testpiloten ;-) Fortbildung ist beim Gleitschirmfliegen einfach wichtig.

 

Hinweis: Dieses Statement soll nicht dazu verleiten die Flugtests nicht mehr ernst zu nehmen. Die Tests des DHV und der anderen Zulassungsstellen sind ein wichtiger Baustein des Gesamtpaketes bei der Schirmauswahl. Geht zu professionellen Händlern und Flugschulen und lasst Euch dort gut beraten. Genaue und fachkundige Beratung ist v.a. in der von den Herstellern heiß umkämpften B Klasse nötig. Die aktuellen B Schirm sind keine 1-2er mehr. Hier gibt es riesige Unterschiede. Vom Hochleister bis zum gemütlichen, fast schon A tauglichen Gleitschirm ist hier alles mit dabei. Wir verkaufen sog. High End B-Geräte nur an Piloten die wir kennen, die extrem viel fliegen und bei uns ein Sicherheitstraining besucht haben.

Liebe Grüße,

Chris Geist