MISSVERSTÄNDNIS A-SCHEIN

Es wird viel geschimpft über den DHV, die deutsche Ausbildung, die Fluglehrer und die Flugschulen. Die klassischen Sprüche sind: „Der kann ja nicht mal Rückwärtsstarten/ Groundhandling“ oder „Der hat keine Ahnung von Thermikfliegen“ oder „Die Flugschule hat ihm nix beigebracht“ oder „Die deutschen Piloten sind so schlecht“. Dazu kann ich folgendes sagen:

Die guten Flugschulen vermitteln so viel wie nur geht in den zwei bis drei Wochen Ausbildung bzw. 40 Höhenflügen und 15 Grundkursflügen, die ihnen bzw. ihren Kunden zur Verfügung stehen. Mehr geht nicht in dieser Zeit.

 

 

EXTREMSPORT – ABER BITTE MIT ROLLRASEN UND DIXI KLO AM ÜBUNGSHANG

In unserer schnelllebigen Gesellschaft muss alles immer sofort und hier und jetzt passieren. Die ersten Fragen, die uns als Flugschule ein Fußgänger stellt, sind: „Wie schnell geht das bei Euch? Bei der anderen Flugschule kann ich es in X Tagen machen“, „Was kostet es?“ und „Wo seid Ihr (Nähe zur Flugschule)“.  Dann muss unsere liebe Katrin, Anke oder ich demjenigen erstmal erklären, dass das alles vom Wetter abhängt. Ein großes Problem ist natürlich immer die Freizeit und der Urlaub, davon hat man immer zu wenig. Wenn die Flugschulen Kurse anbieten würden, die doppelt so teuer sind und doppelt so lange dauern, stünden wir alleine am Übungshang 😉 So gut wie nie hören wir: „Wer leitet den Kurs“ oder „Sind Eure Fluglehrer gut ausgebildet und bilden sie sich fort?“. Die Qualität der Ausbildung wird leider nach wie vor unterschätzt. Das ändert sich nur langsam wieder. Häufiger bekommen wir jetzt Anfragen nach Privatcoachings.

Was Gleitschirmfliegen wirklich bedeutet, bekommen die meisten Piloten dann erst in der Ausbildung mit. Hier können wir dann auf den Piloten eingehen. Auch das Sicherheitsbewusstsein wird erst dort geweckt oder aufgebaut und der „AHA Effekt“ setzt langsam ein. Aber natürlich können auch wir nicht jedem helfen 😉

 

 

WAS KANN ICH NACH DEM A-SCHEIN?

Nach der A-Schein Ausbildung mit abschließender Theorie und Praxisprüfung können unsere Piloten meist sehr gut Vorwärtsstarten (oft deutlich besser als die sog. Freiflieger), ein paar schon Rückwärts Aufziehen (je nach Windsituation, die in den 2-3 Wochen Ausbildung war). Ein paar konnten schon erste Thermikflüge machen (je nach Jahreszeit und Wetter) und alle haben die vorgeschriebenen Flugmanöver gemacht und viel Fachwissen vermittelt bekommen. Sie sind in der Lage, in dem ihnen gewohnten Fluggebiet bei ruhigen Verhältnissen ohne großen thermischen Einfluss sicher zu Starten, zu Fliegen und zu Landen. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Niemand kann ernsthaft annehmen, dass ein A-Schein Pilot nach 40 Höhenflügen schon alles kann. Es gibt keine Sportart der Welt, die man nach 40 Wiederholungen sicher beherrscht, wie soll das gehen? Es liegt in der Eigenverantwortung des Piloten, wie er seinen weiteren Fliegerweg beschreiten will. Manche Piloten lernen autodidaktisch oder durch Schmerzen. Einige hängen sich an Fluglehrer, Vereine oder „Local heros“ der Fluggebiete. Piloten mit wenig Zeit zum selber Fliegen, zeitintensivem Job, Familie usw. MÜSSEN bei der Flugschule bleiben bzw. sich fortbilden. 20 Flüge im Jahr sind einfach zu wenig, um selbstständig fliegen zu gehen.

Ein Pilot, egal ob A-Schein Pilot oder Vielflieger, der im Winter und vielleicht sogar im Herbst nicht zum Fliegen geht, dadurch oft ein halbes Jahr Flugpause hat und dann im Frühjahr um die Mittagszeit am Hochgrat oder Nebelhorn steht, hat irgendwas falsch verstanden. Ein Wunder, dass nicht mehr passiert und Danke an die sicheren Gleitschirme, die wir im Moment haben.

Wir indoktrinieren jeden A-Schein Piloten dahingehend, dass er mindestens eine Flugreise und ein Sicherheitstraining mitmachen MUSS. Das ist für unsere Flugschule eigentlich erst der „Schein“. Erst danach hat er unserer Meinung nach halbwegs den Level, den man braucht, um auch in thermischer Luft gut zurecht zu kommen. Der A-Schein ist für uns alle ernsthaften Flugschulen und unseren Verband nur die Berechtigung zum Weiterlernen, ähnlich wie beim Autoführerschein. Dies geht auch aus der Info Broschüre des DHV hervor, die jedem A-Schein Schüler zugeschickt wird.

 

 

MEINE ANSICHTEN ZU DEN STANDARDSPRÜCHEN

„Die deutschen Piloten sind so schlecht“

BULLSHIT, die deutschen Piloten sind nicht schlecht, sie fliegen einfach im Schnitt weniger. Die Schweizer haben die Berge oft direkt vor der Haustüre. Auch umfasst die schweizer Ausbildung deutlich mehr, was im Prinzip bei unseren Piloten dem A-Schein sowie einer Flugreise und einem Performance-/Sicherheitstraining entspricht, d.h. man darf nicht den Level eines A-Schein Piloten mit dem eines brevetierten Schweizer Piloten vergleichen, sondern mit einem, der bereits eine Flugreise und ein Sicherheitstraining besucht hat.

„Die Flugschule hat ihm nix beigebracht“

Kommt drauf an bei welcher Flugschule er war 😉 Es sind aber nicht immer automatisch die Flugschulen oder Fluglehrer schuld. Oft werden Dinge zum tausendsten Mal erklärt und der Schüler kann sie sich immer noch nicht merken oder umsetzen und braucht einfach noch Zeit und Übung. Auch kann eine Flugschule mit 2-3 Wochen Ausbildung nicht alles beibringen und der Schüler sich nicht alles merken. Wie soll das gehen? Nach der A-Schein Ausbildung dann noch ein Jahr Flugpause und ALLE Piloten, egal aus welcher Schule, fangen fast wieder bei Null an.

„Der kann ja nicht mal Rückwärtsstarten/ Groundhandling“

Stimmt oft. Wie soll das auch gehen? Das ist kein Schwerpunkt der A-Schein Ausbildung, auch wenn es elementar wichtig ist. Entweder es ist schlechtes Wetter und es fliegt nicht, dann können meist die Piloten gut groundhandeln oder es fliegt halt und dann ist oft wenig Zeit zum Groundandeln oder nicht der passende Wind. Voraussetzen, dass jeder nach dem A-Schein gut groundhandeln kann, geht in so kurzer Zeit einfach nicht. Natürlich gibt es immer Ausnahmen.

„Der hat keine Ahnung von Thermikfliegen“

Stimmt. Woher auch. Klar lassen auch wir unsere A-Schein Schüler oft Thermikfliegen während der Ausbildung, aber wenns keine Thermik hat, dann gehts halt nicht. Thermikfliegen gehört in den Bereich der „Fortbildung“ und muss trainiert werden. Ich kann nach 2 Wochen Kiten auch keinen Killer-Loop springen… oder zumindest nicht landen 😉 Bin aber auch talentfrei.

 

Fazit: Auch wenn ich mir mit diesem Artikel ein bisschen selbst ins Bein schieße als Flugschule wenn das ein Fußgänger liest ;-), spiegelt es dennoch meine Meinung wieder. Der A-Schein hat defintiv seine Berechtigung. Er darf nur nicht falsch verstanden werden. Für mich ist die Pilotenlizenz A-Schein + Flugreise (Thermikfliegen) + Sicherheitstraining. Das Problem des Zeitdrucks werden wir alle nicht mehr lösen. Die Flugschulen passen sich lediglich an den Kundenkreis an. Die Piloten und Kunden haben immer weniger Zeit und der Leistungs- und Zeitdruck spiegelt sich in unserer Gesellschaft wieder. Böse Worte und Drohungen von Leuten, die aufgrund der Wetterlage nicht mit ihrem Schein in der von ihnen vorher definierten Zeit fertig geworden sind, sind keine Seltenheit. Mal schauen, wann die erste Klage wegen schlechtem Wetter während der Ausbildung eingeht 😉

An alle lästernden Freiflieger: Überlegt mal, wie ihr nach dem A-Schein ausgeschaut habt 😉 Euer „Können“ ist auch nur durch viel Übung danach und durch jahrelange Erfahrung entstanden. Konntest Du nach dem A-Schein schon gut Rückwärtsstarten und Groundhandeln? Hast Du alles zum Thermikfliegen und Soaring gewusst? Na also, dann nehmt den A-Schein Piloten zur Seite und gebt ihm ein paar Tipps. Noch ein kleiner Tipp von mir, wenn ihr mal einen Schüler von uns seht: Schaut Euch mal an wie der vorwärts startet und übt das ruhig auch mal wieder 😉 Auch als Freiflieger darf man sich fortbilden. Häufig schleichen sich nämlich gerade beim Start und bei der Landung Fehler ein, die nicht immer ein Fliegerleben lang gut gehen müssen. Nur weil Du gestartet bist, heißt das nicht, dass es auch ein guter Start war 😉

 

Prost, Danke für Eure Anregungen und ganz viel Spaß beim Fliegen,

Chris Geist

By | 2017-02-24T09:32:07+00:00 Februar 23rd, 2017|Aktuelle News, Tipps und Tricks|8 Comments

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Chris Geist

8 Comments

  1. Karthe 2. März 2017 at 21:09 - Reply

    Hallo Chris

    Stimme Dir voll und ganz zu.

  2. Hans 26. Februar 2017 at 16:09 - Reply

    Hallo Chris,
    Danke für den Artikel! Dein Statement beruhigt mich doch ungemein, weil ich auch das Gefühl habe, dass die 40 Flüge für mich persönlich einfach nicht ausreichend sind. Ich hab’s auch lieber etwas langsamer, dafür aber antändig und solide. Es ändert auch nichts, dass ich beim letzten Kurs Euer „Startstreber“ war, auch wenn ich darüber natürlich schon etwas stolz war:-)) Das erste Privatcoaching hab ich ja schon hinter mir und auch dafür war ich sehr dankbar. Trotzdem hab ich bei meinem letzten Versuch mit Groundhandling, mal wieder eine etwas unangenehme Erfahrung machen müssen. Fühlt sich schon scheiße an, am Schirm über die Wiese gezogen zu werden:-)) Naja, egal, zeigt mir mal wieder, dass ich was tun muß;-) Besser am Boden als am Felsen. Ich freu mich auf den nächsten Kurs und mal sehen wie es weitergeht.
    Jedenfalls ein großes Lob an Euer ganzes Team. Es macht irre Spaß mit Euch!!:-))

  3. MTP 25. Februar 2017 at 12:22 - Reply

    Letztlich ist der A-Schein auch unserem Klima angepasst und das ermöglicht auch dank einfacher Schirme eine schnelle Ausbildung zu Schönwetterflügen. Zum Thema Groundhandling ein Beispiel: In Argentinien herrschen teilw. so starke Winde, dass Fluglehrer dort schon aus Selbstschutz die Schüler erstmal wochenlang im Groundhandeln ausbilden – sonst endet es im Chaos oder Drama am Berg, wenns gleichzeitig auch noch stark thermisch ist. Deren Schüler startetem bei grenzwertigem böigem Starkwind deutlich souveräner als ich damals mit A-Schein nach 1 Jahren Alpenfliegerei. Da hilft all die theoretische Ausbildung nix, nur Gelegenheit zur Übung.

  4. Torsten Koerting 24. Februar 2017 at 18:59 - Reply

    ich kann deiner zustimmen … nach dem
    a-schein war mein fliegen immer noch ein reines disaster. starts in bäume… massenweise startabbrüche… landen in zäunen und sonstwo wo ich nicht wollte.
    erst das üben üben üben in namibia hat mich auf ein level gebracht mit zu den besten in bodennaehe zu gelten.
    sicherheitstraining und flugreisen mit thermikeinweisung sind ebenso obligatorisch. danach war ich gewiss das talent da war, und nur durch intensives üben sichtbar wurde 🙂
    super artikel. danke dafuer.
    torsten (www.paragliding365.com)

  5. Manfred Gosch 24. Februar 2017 at 7:25 - Reply

    Chris,
    dieser Artikel beschreibt genau wie es wirklich ist. Und ins Knie hast du dir damit nicht geschossen im Gegenteil. Du hebst dich von der Masse der Schulen ab, die die Schüler in der Masse durchschleusen. Der Sport benötigt zu viel Kompetenz und Aufmerksamkeit als dass man ihn mal nebenbei betreibt. Weiter so! Da ich nach meiner A-Scheinausbildung aus den oben genannten Gründen (leider) nicht mehr fliegen konnte werde ich ohne „Probleme“ wieder als Schüler starten. Safety first!
    Grüße Manfred

  6. Bianca 23. Februar 2017 at 16:49 - Reply

    Super Artikel, vielen Dank dafür. Als ich vor 9 Jahren den A-Schein gemacht hatte, hatte ich nach eine Flugschule mit Qualität gesucht – und wurde nicht enttäuscht. Das richtige Lernen fing aber erst danach an und ich war froh, jemanden an meiner Seite zu haben, der mir den Rest beibrachte und auch Sicherheit gab. Mittlerweile bin ich leider nur noch Gelegenheitsfliegerin, doch durch das straffe Lernprogramm komme ich in 2-3 Tagen gemütlichen Flugbedingungen, gut wieder in die Routine rein.

    Viele Grüße
    Bianca von lebedraussen!

  7. holger 23. Februar 2017 at 14:20 - Reply

    Chris,
    vielen Dank für den Artikel. Bitte gib ihn allen A-Schein-Aspiranten.
    Ich habe letzhin Deine A-ScheinSchüler am Nebelhorn gesehen und war beeindruckt, wie die rollen können.
    Leider kann man als A-Schüler überhaupt nicht beurteilen, wie gut die Flugschule ist. Das lernt man erst hinterher.

    Grz

    Holger

  8. Markus Günther 23. Februar 2017 at 13:01 - Reply

    Super Artikel. Ganz im ernst, das trifft den Nagel auf den Kopf und das vermittelt ihr auch super in eurer Ausbildung. Es gibt immer welche bei denen man schon während der Ausbildung mit dem Kopf schüttelt. Aber wer Beratungsresistent ist, dem ist auch danach wohl nicht zu helfen. Gut dass die dann noch meist einen A-Schirm fliegen. Übrigens werden deine Artikel auch immer von ehemaligen Schülern gerne gelesen, also weitermachen! Wir sehen uns Chris!

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