Es gibt beim Gleitschirmfliegen im Prinzip zwei Aufziehtechniken:

a) den Vorwärtsstart wo der Pilot in Start/Flugrichtung schaut und sein Schirm hinter ihm liegt und

b) den Rückwärtsstart oder Rückwärtsaufziehstart wo der Pilot anfangs zum Gleitschirm schaut und sich dann erst in Flugrichtung ausdreht für den Start.

Der klassische Verlauf in der Fliegerkarriere eines Hobbypiloten ist: Der Pilot lernt in seiner Flugschule anfangs recht solide Vorwärtsstarten. Nach dem A-Schein geht er dann in die einfachen Mainstream Fluggebiete in seiner Nähe und merkt schnell das außer ihm fast keiner Vorwärts startet (weil es fast keiner mehr kann ;-) ) und fühlt sich ziemlich uncool. Dann lernt er irgendwann bei einer Flugreise oder Fortbildung rückwärts aufziehen und startet von da an eigentlich nur noch rückwärts und stolpert selbst bei Nullwind rückwärts den Hang hinunter, obwohl ein Vorwärtsstart hier deutlich sicherer wäre. Nur wenige Piloten schaffen den Absprung und nehmen die Starttechnik die dem Wind und Gelände angemessen sind. Das sollte das Ziel sein: Beide Starttechniken sicher zu beherrschen.

Groundhandling - Vorwärtsstart oder Rückwärtsstart - Eine Frage der Ehre ;-)

VIEL GROUNDHANDLING IST DER SCHLÜSSEL ZU EINER SOLIDEN STARTTECHNIK

 

Aussagen wie: „Hier kannst Du nur Rückwärts starten“ oder „Hier geht nur vorwärts“ sind nicht richtig. Prinzipiell kannst Du bei fast allen Bedingungen immer vorwärts oder rückwärts starten. Die Frage ist nur ob es sinnvoll ist. Ich kenne alte Piloten die starten sogar bei fast 30km/h Wind vorwärts. Auch das geht, man muss nur verdammt schnell rückwärts laufen können ;-)

Welche Starttechnik die richtige ist, hängt stark vom Gefälle und Größe des Startplatzes, Windstärke, Windrichtung und Böigkeit und weiteren Faktoren ab und natürlich vom Könnensstand des Piloten. Ein großer „Fehler“ den viele Piloten meiner Meinung nach machen ist: Das vorher erlernte Groundhandling mit dem Start am Berg zu verwechseln. Klar kannst Du beim Groundhandling im flachen Gelände mal die Bremsen loslassen. Am Berg im steilen Gelände zum Starten gehören die Bremsen aber in die Hände. Den Schirm bei perfekt laminarem Wind im flachen Gelände eine halbe Stunde im Zenit stehen lassen und sich dann gemütlich ausdrehen? Klar geht das! Am Berg bei starken thermischen Ablösungen und steilem Startplatz fliegst Du so aber garantiert Rückwärts getwistet raus. Ich empfehle mittlerweile im steilen Startplatz, bei anspruchsvollen thermischen und böigen Bedingungen lieber schon bei 70 Grad auszudrehen und während des Ausdrehens auf die Bremse zu gehen. Das ist ziemlich „Oldschool“ aber hat sich bewährt. Es hat sich gezeigt das die Piloten, gerade mit wenig Flugerfahrung und Groundhandling so deutlich weniger vertwistet „gestartet“ werden. Verdreht in den Luftraum zu fliegen mit überkreuzten Bremsen ist für den ungeübten Piloten fatal und endet schnell im Unfall. Ganz wichtig bei starkem Wind ist das Entgegen gehen zum Schirm. SEI NICHT DER ANKER!

Rückwärts Aufziehen - Vorwärtsstart oder Rückwärtsstart - Eine Frage der Ehre ;-)

RICHTIG RÜCKWÄRTS AUFZIEHEN MUSS GEÜBT WERDEN BEVOR MAN ES DAS ERSTE MAL AM STARTPLATZ MACHT

Zusammenfassung:

1.) Wähle je nach Bedingungen und Deinem Könnensstand die für Dich richtige Starttechnik

2.) Bei Nullwind macht ein Vorwärtsstart mehr Sinn. Profis können mit verdrehtem Oberkörper auch vorwärts laufen und dabei Rückwärts aufziehen aber dennoch ist während der Phase des Ausdrehens immer ein kurzer kritischer Moment wo der Schirm hängen bleibt, „schwammig wird“ bzw. nicht genug Führung bekommt.

3.) Bei stärkerem Wind macht ein Rückwärts(aufzieh) Start mehr Sinn. Man kann dem Schirm besser entgegen laufen und sieht Knoten und ein Ausbrechen der Kappe bereits im Ansatz. Mein Tipp: Dreh Dich lieber früher aus, den Gleitschirm über sich zu stabilisieren wie beim Grounhandling im Flachen ist gerade im steilen Startgelände und thermischen Ablösungen extrem schwierig für den ungeübten Piloten und führt schnell zum „twisted take off“.

4.) Egal ob Du Dich beim Rückwärtsstart früh oder spät ausdrehst, mach es ohne zögern und zackig schnell.

5.) Trainiere am Besten beide Starttechniken im Laufe Deiner Fliegerkarriere und lass Dich von Fluglehrern oder Deinem Fliegerbuddy filmen und analysiere Deinen Start (eine professionelle Videoanalyse ist natürlich besser wie wenn der einäugige Fliegerkumpel dem blinden Piloten etwas erklärt, aber besser als den Start gar nicht analysiert ;-) ) War es ein wirklich guter Start oder bist Du nur irgendwie in die Luft gekommen? Videoanalyse ist DAS Instrument um Deine Flugtechnik zu verbessern. Ich verstehe nicht das es immer noch Flugschulen gibt die dieses Instrument nicht einsetzen.

6.) Bei schwierigen Bedingungen nimm die Starttechnik die Du 100% sicher beherrscht.

 

AUCH BEI WIND KANN MAN VORWÄRTS STARTEN – BIS AUF DEN FEHLENDEN KONTROLLBLICK UND DEN STORCHENFUSS ;-) EIN SEHR SOUVERÄNER START VON EBERHARD BEI SOARING- UND THERMIKFLUGBEDINGUNGEN IN SLOWENIEN, NICHT LANGE NACH DEM A-SCHEIN

 

 

Gute Starts,

Chris

 

P.S. Jeder darf mal einen schlechten Start machen, nur weh tun sollte er nicht ;-) Ganz wichtig ist dabei auch immer laut FRREEESTYYYLER zu rufen dann denken die Zuschauer vielleicht das der Pilot so starten wollte und doch ein cooler Hund ist ;-)

 

Tipp: Passend dazu in der aktuellen DHV Info ab Seite 44 „Und weg war er…“ und die DHV Lehrvideos Groundhandling in unserem YouTube Channel unter Lehrfilme sowie die Artikel im DHV Info: Groundhandling, Optimal Aufziehen, Abbruch oder Start, Rückwärts Aufziehen