Aus aktuellem Anlass (Bezau, Breitenberg usw. am Wochenende) hier nochmal ein paar Eckpunkte zum Föhn die jeder Gleitschirmflieger berücksichtigen sollte. Sie beruhen auf knapp 20 Jahren Alpenerfahrung im Gleitschirmsport, 4 Semester Meteorologie Unterricht während des Studiums und intensiver Beschäftigung mit diesem Wetterphänomen.

Wie vielschichtig und Komplex das Thema Föhn ist, sieht man allein an den Lehrbüchern und unterschiedlichen Theorien zum Föhn und ständig wiederkehrenden Artikeln in den Fachmagazinen. Früher und auch im Moment in noch fast allen Lehrbüchern zu finden und wahrscheinlich von 90% aller Fluglehrer noch so erklärt: Die „thermodynamische Föhntheorie“. Sie beruht auf den Temperaturunterschieden von Luftmassen durch Auf- und Abstieg auf der Alpennord- und Alpensüdseite und macht auf den ersten Blick hin „Sinn“ bzw. ist logisch zu erklären für Einsteiger (ähnlich wie Luftteilchen am Gleitschirmprofil die angeblich gleichzeitig an der Hinter-/Abströmkante ankommen müssen und damit das so ist, müssen sie oben schneller fließen. Ist auf den ersten Blick logisch, aber leider falsch 😉 ). Bei den meisten professionellen Meteorologen ist diese thermodynamische Theorie „veraltet“ bzw. nicht richtig. Profis vertrauen hier eher der dynamischen (ähnlich: hydraulischen) Föhntheorie die quasi dem Überschwappen von Wasser in einer Badenwanne entspricht. Du kannst beide Theorien hier grob nachlesen.

Aus der Praxis muss ich Euch sagen: Ich habe noch kein Luftteilchen persönlich getroffen und es fragen können, deswegen traue ich keiner Theorie zu 100%. Eines ist aber sicher: „Scheißegal welche Theorie ihr bevorzugt, wenns Föhn hat müsst ihr beim Fliegen einfach vorsichtig sein oder am Besten gar nicht erst fliegen gehen“

Da kommst Du als Profi zum Startplatz und willst vorsichtig schauen ob es an einem Tag wo eh schon Föhn vorhergesagt ist, doch noch ein Flüglein drin ist. Da stehen dort schon 20 Hobbypiloten von denen 18 nicht mal wissen das es heute überhaupt Föhn hat. Der Rest schaut halt erstmal wie die ersten Starten und ob die Luft o.k. ist und haut sich dann hinterher. LEUTE, UFFPASSEEE!!! Mit Föhn ist nicht zu spaßen. Wer einmal einen Föhndurchbruch erlebt hat wird vorsichtiger, garantiert. Innerhalb von Minuten können heftige Windgeschwindigkeiten, Böen und Turbulenzen einsetzen. Wenn Du als Normalpilot da noch in der Luft bist, sinken Deine Chancen heil herunter zu kommen. Klar es kann auch den ganzen Tag „halten“ aber eine Garantie kann Dir niemand geben.

Viele Piloten denken das der Föhn etwas mit hoher Windgeschwindigkeit zu tun hat. NEIN, hat er nicht. Ich bin mal als unwissender A-Schein Pilot am Nebelhorn bei Föhn gestartet und am Startplatz waren gerade mal 10 km/h Südwind. Nach dem Start hatte ich einen massiven Klapper, extreme Turbulenzen, heftiges Sinken und musste auf einer Waldschneiße notlanden. Bei Föhn bist Du einfach in einem großflächigen LEE und zwar auf der gesamten Alpennordseite bei Südföhn bzw. Südwind, PUNKT! Zumindest das sollte einem klar sein. Da gibt es kein „Föhnschutzgebiet“ und auch kein „Der Föhn ist noch da hinten und braucht noch bis er da ist“. Der Föhn ist da, die Frage ist jetzt nur, gehst Du das Risiko ein und fliegst wie ein paar andere Piloten auch, oder lässt Du es einfach sein. Ich verurteile keinen der das Risiko für sich bewußt eingeht. Ich verurteile nur die Piloten die sich ohne das Wissen um diese Gefahr in die Luft katapultieren. Bewußt zu sagen: „Heute hats Föhn, im Moment fliegts, ich gehe das Risiko ein und starte“, sowas kann ich noch verstehen, aber ohne dieses Backgroundwissen in der Luft zu sein und sich nachher wundern warum man wieder im Krankenhaus aufwacht (oder auch nicht) ist meiner Meinung nach grob fahrlässig. Auch hört man oft: „Ich sehe überhaupt keine Lentis“. Ja stimmt, die muss man auch nicht sehen. Die sieht man nur wenn eine gewisse Restfeuchte noch vorhanden ist, Cirrus oder Cirrostratus oder die bereits herannahende Front nicht den Himmel bedeckt und die Wellen eine Wolkenbildung überhaupt zulassen. Der Föhn ist oftmals schwer zu erkennen und weicht in den meisten Fällen vom klassischen Föhn bzw. Wolkenbild ab.

 

Wie erkenne ich nun den Föhn in der Praxis:

1.) Du schaust Dir den Föhnchart an (ab 4 hPa Druckunterschied zwischen Alpennord- und Alpensüdseite spricht man bereits von Föhn). Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte bereits bei 4-6 hPa nicht mehr zum Fliegen gehen.

Achtung: Manchmal sieht man nur allein anhand des Föhnchart nicht genau den Föhn wie z.B. dieses Wochenende wo Anfangs ein geringerer Druckunterschied prognostiziert wurde. Bei seichtem Föhn findet der Druckausgleich nur in den tieferen Schichten statt. Kritisch checken

2.) Wer die genauen Luftdruckwerte braucht, schaut nochmal ins Alptherm/ Föhnpotential

3.) Check der DHV Wetterseite

3.) Check der wichtigen Föhnanzeigerberge (Patscherkofel, Zugspitze, Säntis)

4.) Check der Windwerte vom Lawinenwarndienst (Achtung: Nicht allein die Windgeschwindigkeit ist hier aussagekräftig sondern die Richtung. Stehen die meisten Berge auf Süd bzw. SO Wind, sollten schon mal die Alarmglocken läuten)

5.) Blick aus dem Fenster: Sehe ich Lentis? Kommen mir die Berge näher vor als sonst? Herrscht gute Fernsicht?

6.) Check am Start-/ Landeplatz: Fliegen Vögel? Hat es Südwind? Ist der Wind böig oder laminar? Sehe ich Schneefahnen (Winter)? Fliegen bereits andere Piloten und v.a. wie fliegen sie (ist es turbulent, haben sie zu kämpfen usw.). Herrscht normaler Talwind am Landeplatz? (ein häufiges Zeichen von Föhn ist Windstille am Landeplatz bzw. ein aussetzender Talwind). Befinde ich mich vielleicht nur noch im Kaltluftsee des Tales und oben pfeift schon der Föhn? Ist es am Startplatz wärmer als im Tal?

Aus der Praxis muss ich Euch sagen das häufig noch viel geflogen wird bei Föhn (oft wird sogar geschult). Ich nehme den Südföhn auf der Alpennordseite komischerweise noch ernster als den Nordföhn obwohl ich auf beiden Seiten der Alpen bereits Föhndurchbrüche erlebt habe. Dies ist aber rein subjektiv. Föhn ist immer gefährlich. Bei Südföhn bin ich einfach nur extrem vorsichtig und fahre oder laufe häufig vom Berg wieder runter obwohl viele andere Piloten noch fliegen. Natürlich ist bei Nordföhn genau so viel Vorsicht geboten. Dieser ist zum Teil sogar noch kritischer, aufgrund der häufig kalten Luftmassen die in die tieferen Luftschichten durchbrechen können. Sogar beim DHV schreibt Bassano Liebhaber und Meteorologe Volker Schwaniz (den ich übrigens sehr schätze und seine prägnanten, kurzen Statements zum Wetter liebe): „Starker Nordföhn, gute Thermik in Bassano“. Ich finde solche Aussagen sehr kritisch, gerade für Anfänger in unserem Sport. Klar in Bassano gehts sicher mit am längsten bei Nordföhn aber man neigt schnell dazu den Föhn nicht mehr ernst zu nehmen. Ich kenne Bassano sehr gut. Unter Profis sind dort die Nordföhntage sehr beliebt, weil man schnell in oft aggressiver Thermik hoch hinauf steigen kann und große Streckenflüge macht, anstatt in der Meeresbrise auf Startplatzniveau herum zu dümpeln. Diese Thermik ist aber wie gesagt häufig sehr turbulent und unerfahrene Piloten riskieren schnell großflächige Klapper und Abstürze. Auch in Bassano habe ich übrigens bereits zweimal einen Föhndurchbruch erlebt. Das fatale am Nordföhn ist, das es sich häufig um kalte Luftmassen handelt, die ähnlich Gewitterböen am Boden entlang fließen und die Piloten oft erst beim Landen in den tieferen Luftschichten die Turbulenzen zu spüren bekommen.

Fly safe,

Chris Geist, Paraglide Instrukteur,Gleitschirmlehrer, Paragliding Academy Immenstadt, am Flugberg Nebelhorn in Oberstdorf AllgäuChris Geist – DHV Sicherheitstrainer

P.S. Ich bin kein Meteorologe. Dies sind lediglich meine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen in den letzten 20 Jahren als Gleitschirmpilot und Fluglehrer